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Rekonziliation zum unpassendsten Zeitpunkt

Einen unpassenderen Zeitpunkt hätte sich der Vatikan für die Bekanntgabe der Rekonziliation, der Aufhebung der Exkommunikation, der vier Bischöfe der Pius-Bruderschaft gar nicht aussuchen können. Schlagzeilen wie “Papst rehabilitiert Holocaust-Leugner” waren fast überall zu lesen, auch wenn das in dieser Form völlig an der Sache vorbei geht. Es wird - wahrscheinlich aus Unwissen - der Anschein erweckt, als hätte Papst Benedikt XVI. Richard Williamson, der in einem schwedischen Fernseh-Interview in vollem Ornat den Holocaust so plump und schäbig geleugnet hat, als Leugner des Holocaust rehabilitiert, nachdem er deswegen vorher ausgeschlossen wurde. Der Grund der Exkommunikation war aber ein ganz anderer: Der Erzbischof Lefebre und die von ihm illegal, d.h. ohne päpstlichen Auftrag, geweihten vier Bischöfe wurden vor mehr als zehn Jahren wegen Can. 1382 (CIC 1983) von Papst Johannes Paul II. exkommuniziert, nachdem sie zuvor mehrmals zum Widerruf aufgerufen wurden:

Ein Bischof, der jemanden ohne päpstlichen Auftrag zum Bischof weiht, und ebenso, wer von ihm die Weihe empfängt, zieht sich die dem Apostolischen Stuhl vorbehaltene Exkommunikation als Tatstrafe zu.

Des Weiteren wurden sie als Schismatiker, Can. 1364 (1) (CIC 1983), exkommuniziert, da sie das Zweite Vatikanische Konzil in bestimmten Punkten nicht anerkannt haben, sie lehnen die großen Errungenschaften des Vaticanum II wie die Ökumene, den interreligiösen Dialog und die Liturgiereform des Konzils ab und feiern Messen unverändert nach dem tridentinischen Ritus, der seit dem Motu Proprio Summorum Pontificum (2007) wieder als forma extraordinaria, als außerordentliche Gottesdienstform, erlaubt ist und keiner Sondererlaubnis mehr bedarf. Gebete der Gläubigen werden vom Priester noch einmal gesprochen, um Gültigkeit zu haben. Ein merkwürdiges Gottes- und Menschenbild, das zum Glück seit dem Konzil überwunden ist, leider noch nicht in allen Köpfen. Selbst wenn die seit dem Konzil angestrebte Wiederherstellung der Einheit das oberste Ziel des Papstes ist, ist es doch sehr befremdlich für mich, dass die so rückwärts gewandte Priesterbruderschaft Pius X. in die Kirche zurückgeholt werden soll. Diese widerspricht in ihren Ansichten all dem, was ich in meinem Theologiestudium gelernt habe, das ganz im Geiste des Vaticanum II stand und weiterhin steht. Ohne das törichte Interview Williamsons, das letzte Woche bekannt geworden ist, hätte dieser Schritt wohl nur Theologen bewegt, da hier eine ultrakonservative, traditionalistische bzw. fundamentalistische Gruppe wieder in die Kirche aufgenommen werden soll, die auch mir nur aus einer Kirchengeschichtsvorlesung als entschiedener Gegner des Vaticanum II bekannt ist. Die Entscheidung der Rekonziliation wurde am vergangenen Donnerstag bekanntgegeben, erst am Freitag wurden die Inhalte des Interviews publik, Williamson hat aber nicht zum ersten Mal den Holocaust geleugnet, sondern schon 1989 in einem Gottesdienst deutlich seine Haltung zum Ausdruck gebracht; das muss bei den päpstlichen Beratern angekommen sein. Der Papst ist schlicht und einfach schlecht beraten worden, katastrophal wäre wohl eine bessere Bezeichnung. Der Codex Iuris Canonici sieht keine Strafe für die Leugnung des Holocaust vor, weil der CIC ausschließlich kirchliche Fragen regelt, keine weltlichen. Dafür ist die Staatsanwaltschaft Regensburg zuständig, die gegen Williamson wegen Volksverhetzung ermittelt, da das Interview in Regensburg aufgezeichnet wurde. Williamson und die drei anderen Bischöfe der Piusbruderschaft sind innerkirchlich rehabilitiert, als Bischof bleiben sie aber suspendiert, ebenso als Priester; als Theologe kann ich aber auch diesen Schritt nicht nachvollziehen, da die Positionen der Piusbruderschaft insgesamt sehr befremdlich sind. Kirchenrechtlich könnten Williamson und seine Piusbrüder aber ganz schnell wieder exkommuniziert werden, wenn sie sich nicht, wie ebenfalls vom Papst gefordert, zum Vaticanum II bekennen. So einfach werden die Piusbrüder sicher nicht nachgeben, angeblich wollen sie ja die Kirche selbst bekehren und zum “wahren” Glauben zurückführen. Mir missfällt dieser Umgang mit den Erzkonservativen, ich bin froh, dass die Kritik von der Deutschen Bischofskonferenz so klar zum Ausdruck gebracht wurde, auch die Katholisch-Theologische Fakultät, an der in studiert habe, hat sich deutlich geäußert. Drohungen gegen den Papst und der Abbruch des Dialogs sind jedoch die falschen Signale an Rom, zumal Papst Benedikt XVI. letzte Woche in der Generalaudienz die Leugnung des Holocaust mit Nachdruck ablehnt und die bedingungslose Solidarität mit den Juden zum Ausdruck gebracht hat. Deutlicher kann man die Position nicht darstellen, deshalb verstehe ich die Kritik von Bundeskanzlerin Merkel nicht, die eine Klarstellung des Papstes gefordert hatte. Die Antwort aus dem Vatikan folgte auch auf dem Fuße. Es ist ja durchaus nachvollziehbar, dass der Papst Abtrünnige, verlorene Söhne, im Sinne der Einheit wieder in die Kirche eingliedern will. Dass aber ausgerechnet die Angehörigen der Piusbruderschaft aus Gründen der “Versöhnung” wieder in die Kirche aufgenommen werden, ist ein Affront gegen alle, die sich dem Zweiten Vatikanischen Konzil und seiner Aufbrüche verpflichtet fühlen. Wo wird dem Einheitsgedanken noch Rechnung getragen, wenn durch die Aufnahme weniger Gestriger die Einheit der Heutigen, auch mit anderen Konfessionen und Religionen, gefährdet wird? Gerade der Vorwurf, die katholische Kirche sei von gestern oder gar von vorgestern, wird so wieder laut, eine Argumentation dagegen ist im Moment keine einfache Aufgabe als Religionslehrer. Chef-Papstkritiker Hans Küng musste Benedikt XVI. gleich mal mit George W. Bush vergleichen, dessen Rücktritt und gleichzeitig einen Obama-Papst fordern. Das von Papst Johannes XXIII. geforderte Aggiornamento sollten Papst Benedikt XVI. und insbesondere seine Berater auf jeden Fall wieder ins Visier nehmen, merkwürdig finde ich seine letzten Entscheidungen nämlich in der Tat, so auch die Ernennung des erzkonservativen Gerhard Wagner zum Linzer Weihbischof: Wagner sollte nämlich Weihbischof, obwohl er nicht einmal auf der Bistumsliste mit den Vorschlägen stand. Wagner vertritt solch merkwürdige Positionen, dass der Hurrikan “Katrina” und der Tsunami göttliche Strafen seien und Harry Potter satanistisch sei. Wenigstens ist Wagner inzwischen zurückgetreten.

Unanständig war zum Teil die völlig unangemessene Kritik am Papst, zu viele, die keine Ahnung haben, meinen mitreden und zu allem Überfluss ein Urteil abgeben zu müssen. Was bringt es denn, Passanten auf der Straße zu diesem Thema zu befragen? Die wissen im Zweifel nicht mehr, als dass sie am einen Tag Papst sind, am anderen wieder nicht mehr. Viel zu selten wurden stattdessen Kirchenrechtler berfragt. Ohne Williamsons Interview hätten sich sehr wahrscheinlich nur wenige aufgeregt, eben die, die mit den Hintergründen vertraut sind; jetzt haben wir wieder den Fall, dass jeder meint, etwas gegen Papst und gegen die Kirche sagen zu müssen. Auch Angela Merkel musste - meines Erachtens unnötigerweise - eine Klarstellung des Papstes fordern, die hatte dieser aber längst abgegeben. Benedikts neuerliche Aufforderung an Williamson zum Widerruf war dennoch ein wichtiges Zeichen, das aber Merkels Intervention nicht gebraucht hätte. Für mich ein Hoffnungsschimmer: Die Hardliner wollen sich nicht zum Vaticanum II bekennen und planen schon neue Weihen. Auf diese Weise könnte sich das Ansinnen, die Piusbrüder wieder einzugliedern, schnell von selbst erledigt haben, die Exkommunikation würde dann schnell folgen. Der Image-Schaden ist dennoch da. Leider. Interessant ist auch einmal mehr Henryk M. Broders Meinung zum Thema, gut war auch die gestrige Diskussionsrunde von Mybrit Illner, bei der Robert Zollitsch, Peter Frey und eben Broder miteinander diskutierten. Aufschlussreich ist auch der Gastbeitrag von Robert Zollitsch in der FASZ vom vorvergangenen Sonntag.